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Zum Integrationsimperativ im Kontext des ‚Ehegattennachzugs‘ — eine Suche in Marokko The language certificate for marriage migrants introduced by the grand coalition (CDU/CSU/SPD) federal government in 2007 was constantly criticised in the last years and was recently classified as unlawful by the European Court of Justice. Yet, the federal government maintains this regulation. Within the scope of my doctoral thesis I went to Morocco in order to understand the impact of this language requirement before the entry into Germany. I realized that the issue of integration is omnipresent in responsible institutions like the Goethe-Institute and especially the fear of the non-integration of marriage migrants. But is the aim of the language certificate really integration? Or isn’t this so-called pre-integration measure rather an instrument for a selection at Europe’s external borders? Zum Artikel in movements - Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung.


“Die müssen sich integrieren!”

Zum Integrationsimperativ im Kontext des ‚Ehegattennachzugs‘ — eine Suche in Marokko

The language certificate for marriage migrants introduced by the grand coalition (CDU/CSU/SPD) federal government in 2007 was constantly criticised in the last years and was recently classified as unlawful by the European Court of Justice. Yet, the federal government maintains this regulation. Within the scope of my doctoral thesis I went to Morocco in order to understand the impact of this language requirement before the entry into Germany. I realized that the issue of integration is omnipresent in responsible institutions like the Goethe-Institute and especially the fear of the non-integration of marriage migrants. But is the aim of the language certificate really integration? Or isn’t this so-called pre-integration measure rather an instrument for a selection at Europe’s external borders?

Zum Artikel in movements – Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung.


Ein Streit über das Recht auf Familiennachzug für syrische Geflüchtete ist entbrannt. Eine Aussetzung würde jedoch an einem Grundrecht rütteln: dem Schutz von Ehe und Familie – ein Grundrecht, das im Migrationskontext Regierungen schon seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge ist. Es steht nicht nur im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: das Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie. Dieses Grundrecht macht den Ehegatten- und Familiennachzug zu einer der wenigen Möglichkeiten für Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“, um legal in die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einzureisen. Das hinderte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) vergangenen Freitag nicht daran im Deutschlandradio zu verkünden, dass syrischen Geflüchteten in Zukunft folgendes „gesagt“ werde: „Ihr bekommt Schutz, aber den sogenannten subsidiären Schutz – das heißt zeitlich begrenzt und ohne Familiennachzug.“ Der Aufschrei beim Koalitionspartner SPD und der Opposition war groß. Einen Tag später ruderte der Innenminister zurück. Dass der subsidiäre Schutz auf syrische Geflüchtete ausgeweitet werden soll, war für Sigmar Gabriel und KollegInnen tatsächlich überraschend und nicht abgesprochen, jedoch wurde bereits einen Tag zuvor am Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie gerüttelt. Der Koalitionskompromiss vom 5. November beinhaltete nicht nur den Aufbau sogenannter „Registrierungszentren“ sowie „verschärfte Residenzpflicht“, sondern auch die zweijährige Aussetzung des Rechts auf Familiennachzug für Geflüchtete mit subsidiärem Status. Am Tag des Koalitionskompromisses war davon noch ein kleiner Prozentsatz von Menschen, die Asyl beantragen, betroffen. Mit der Änderung des Status für syrische Geflüchtete wären jedoch plötzlich Tausende vom Recht auf Familiennachzug ausgeschlossen. Von der Union erhielt der Innenminister augenblicklich Beifall, hatte doch gerade die CSU schon viel früher die Idee einer Begrenzung des Familiennachzugs für syrische Geflüchtete ins Spiel gebracht. Der Ehegatten- und Familiennachzug wird von den Regierungen seit Jahrzehnten als „Schlupfloch“ in der Begrenzung und Kontrolle von Migration gesehen. Jedoch war die Beanspruchung des individuellen Rechts auf Schutz von Ehe und Familie immer eine Reaktion auf restriktive Migrationspolitiken und tatsächlich zumeist die einzige Chance, um auch PartnerInnen und Kindern einen Aufenthalt und damit eheliches oder familiäres Zusammenleben zu ermöglichen. Schon in den 1970er Jahren nahmen sogenannte „Gastarbeiter“ ihr Recht auf Familienzusammenführung in Anspruch und holten Angehörige nach Deutschland – eine Reaktion auf den Anwerbestopp sowie Einschränkungen in den Einreisebestimmungen. Gerade mit den Asylrechtsverschärfungen von 1992 wurden „Schutzehen“ zwischen AsylbewerberInnen und AktivistInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit eine Praxis, um Abschiebungen zu verhindern. Diese Art von Eheschließungen haben eine lange Tradition, als zum Beispiel im Nationalsozialismus jüdische Menschen durch eine Heirat unterstützt wurden, ins Exil zu gehen oder auch für BürgerInnen der DDR, die das Recht hatten nach Westdeutschland auszureisen, wenn sie dort verheiratet waren. Auch für Menschen aus Syrien bedeutet der Familiennachzug, dass nur eine Person der Familie sich der Illegalisierung aussetzen muss und anschließend die anderen Angehörigen über eine sichere legale Route nachgeholt werden können. Oft machen sich dabei im Sinne klassischer Geschlechterrollen zunächst die Männer auf den Weg, um später Frauen und Kinder nachzuholen. Jedoch zeigen aktuelle Bilder und auch Zahlen, dass die irreguläre Migration durchaus keine rein männliche Bewegung mehr ist und auch nie war. In Zeiten des Migrationsmanagements wurde immer wieder versucht, auch diesen Weg nach Europa einzuschränken. Dies wurde am deutlichsten 2007 mit der Einführung der Sprachnachweispflicht für sogenannte „nachziehende Ehegatten“, aber auch durch den geforderten Nachweis von ausreichend Wohnraum oder der Sicherung des Lebensunterhalts. Allerdings geschahen all diese Eingriffe nach wie vor unter der weitgehenden Wahrung des Grundrechts auf Schutz von Ehe und Familie. So wurden im Sommer auch Erleichterungen der Familienzusammenführung für syrische Geflüchtete debattiert und in deutschen Konsulaten im Libanon und der Türkei zusätzliche Terminvergabesysteme für diese Art von Visaanträgen eingeführt. Dies scheint jetzt anders zu sein. In diesen Tagen passiert viel still und heimlich und vor allem schnell. Es werden quasi „über Nacht“ Gesetze gemacht, die Auswirkungen für Tausende von Menschen haben. Schnelle Entscheidungen sind im Moment, wo viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben und an inner- sowie außereuropäischen Grenzen feststecken, tatsächlich wichtig, allerdings werden diese aktuell wieder zugunsten der Abschottung getroffen und nicht um gerechte Lösungen für eine globale politische Krise zu finden und die Situation derer zu verbessern, die sich entweder auf dem Weg nach Europa befinden oder die bereits angekommen sind. Diese Tendenz wird auch in der Debatte um den Familiennachzug wieder mehr als deutlich. Ausgerechnet aus der CSU sind die Stimmen am lautesten, den Familiennachzug für syrische Geflüchtete auszusetzen. Die Partei, die sich am stärksten um die Wahrung von Ehe und Familie – natürlich als wichtige christliche Erfindungen – bemüht, sobald es um feministische Forderungen wie die Abschaffung des Betreuungsgelds oder des Ehegattensplitting geht. Jetzt wäre der Zeitpunkt, wo es sich tatsächlich lohnen würde, sich für die Institution Ehe und den Zusammenhalt von Familien einzusetzen, denn es würde Tausenden von Menschen die gefährliche Reise als Illegalisierte ersparen, die tagtäglich Leben kostet. Erstveröffentlichung dieses Kommentars am 12.11.2015 auf MiGAZIN.

Warum der Schutz von Ehe und Familie Leben rettet

Ein Streit über das Recht auf Familiennachzug für syrische Geflüchtete ist entbrannt. Eine Aussetzung würde jedoch an einem Grundrecht rütteln: dem Schutz von Ehe und Familie – ein Grundrecht, das im Migrationskontext Regierungen schon seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge ist.

Es steht nicht nur im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: das Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie. Dieses Grundrecht macht den Ehegatten- und Familiennachzug zu einer der wenigen Möglichkeiten für Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“, um legal in die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einzureisen.

Das hinderte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) vergangenen Freitag nicht daran im Deutschlandradio zu verkünden, dass syrischen Geflüchteten in Zukunft folgendes „gesagt“ werde: „Ihr bekommt Schutz, aber den sogenannten subsidiären Schutz – das heißt zeitlich begrenzt und ohne Familiennachzug.“ Der Aufschrei beim Koalitionspartner SPD und der Opposition war groß. Einen Tag später ruderte der Innenminister zurück. Dass der subsidiäre Schutz auf syrische Geflüchtete ausgeweitet werden soll, war für Sigmar Gabriel und KollegInnen tatsächlich überraschend und nicht abgesprochen, jedoch wurde bereits einen Tag zuvor am Grundrecht auf Schutz von Ehe und Familie gerüttelt.

Der Koalitionskompromiss vom 5. November beinhaltete nicht nur den Aufbau sogenannter „Registrierungszentren“ sowie „verschärfte Residenzpflicht“, sondern auch die zweijährige Aussetzung des Rechts auf Familiennachzug für Geflüchtete mit subsidiärem Status. Am Tag des Koalitionskompromisses war davon noch ein kleiner Prozentsatz von Menschen, die Asyl beantragen, betroffen. Mit der Änderung des Status für syrische Geflüchtete wären jedoch plötzlich Tausende vom Recht auf Familiennachzug ausgeschlossen. Von der Union erhielt der Innenminister augenblicklich Beifall, hatte doch gerade die CSU schon viel früher die Idee einer Begrenzung des Familiennachzugs für syrische Geflüchtete ins Spiel gebracht.

Der Ehegatten- und Familiennachzug wird von den Regierungen seit Jahrzehnten als „Schlupfloch“ in der Begrenzung und Kontrolle von Migration gesehen. Jedoch war die Beanspruchung des individuellen Rechts auf Schutz von Ehe und Familie immer eine Reaktion auf restriktive Migrationspolitiken und tatsächlich zumeist die einzige Chance, um auch PartnerInnen und Kindern einen Aufenthalt und damit eheliches oder familiäres Zusammenleben zu ermöglichen.

Schon in den 1970er Jahren nahmen sogenannte „Gastarbeiter“ ihr Recht auf Familienzusammenführung in Anspruch und holten Angehörige nach Deutschland – eine Reaktion auf den Anwerbestopp sowie Einschränkungen in den Einreisebestimmungen. Gerade mit den Asylrechtsverschärfungen von 1992 wurden „Schutzehen“ zwischen AsylbewerberInnen und AktivistInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit eine Praxis, um Abschiebungen zu verhindern. Diese Art von Eheschließungen haben eine lange Tradition, als zum Beispiel im Nationalsozialismus jüdische Menschen durch eine Heirat unterstützt wurden, ins Exil zu gehen oder auch für BürgerInnen der DDR, die das Recht hatten nach Westdeutschland auszureisen, wenn sie dort verheiratet waren.

Auch für Menschen aus Syrien bedeutet der Familiennachzug, dass nur eine Person der Familie sich der Illegalisierung aussetzen muss und anschließend die anderen Angehörigen über eine sichere legale Route nachgeholt werden können. Oft machen sich dabei im Sinne klassischer Geschlechterrollen zunächst die Männer auf den Weg, um später Frauen und Kinder nachzuholen. Jedoch zeigen aktuelle Bilder und auch Zahlen, dass die irreguläre Migration durchaus keine rein männliche Bewegung mehr ist und auch nie war.

In Zeiten des Migrationsmanagements wurde immer wieder versucht, auch diesen Weg nach Europa einzuschränken. Dies wurde am deutlichsten 2007 mit der Einführung der Sprachnachweispflicht für sogenannte „nachziehende Ehegatten“, aber auch durch den geforderten Nachweis von ausreichend Wohnraum oder der Sicherung des Lebensunterhalts. Allerdings geschahen all diese Eingriffe nach wie vor unter der weitgehenden Wahrung des Grundrechts auf Schutz von Ehe und Familie. So wurden im Sommer auch Erleichterungen der Familienzusammenführung für syrische Geflüchtete debattiert und in deutschen Konsulaten im Libanon und der Türkei zusätzliche Terminvergabesysteme für diese Art von Visaanträgen eingeführt.

Dies scheint jetzt anders zu sein. In diesen Tagen passiert viel still und heimlich und vor allem schnell. Es werden quasi „über Nacht“ Gesetze gemacht, die Auswirkungen für Tausende von Menschen haben. Schnelle Entscheidungen sind im Moment, wo viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben und an inner- sowie außereuropäischen Grenzen feststecken, tatsächlich wichtig, allerdings werden diese aktuell wieder zugunsten der Abschottung getroffen und nicht um gerechte Lösungen für eine globale politische Krise zu finden und die Situation derer zu verbessern, die sich entweder auf dem Weg nach Europa befinden oder die bereits angekommen sind. Diese Tendenz wird auch in der Debatte um den Familiennachzug wieder mehr als deutlich.

Ausgerechnet aus der CSU sind die Stimmen am lautesten, den Familiennachzug für syrische Geflüchtete auszusetzen. Die Partei, die sich am stärksten um die Wahrung von Ehe und Familie – natürlich als wichtige christliche Erfindungen – bemüht, sobald es um feministische Forderungen wie die Abschaffung des Betreuungsgelds oder des Ehegattensplitting geht. Jetzt wäre der Zeitpunkt, wo es sich tatsächlich lohnen würde, sich für die Institution Ehe und den Zusammenhalt von Familien einzusetzen, denn es würde Tausenden von Menschen die gefährliche Reise als Illegalisierte ersparen, die tagtäglich Leben kostet.

Erstveröffentlichung dieses Kommentars am 12.11.2015 auf MiGAZIN.

lovewall

One click away?

It has never been easier to meet people from all over the world. Social networks and dating sites make it possible. More and more couples are meeting via the web – and across international boundaries. The seemingly borderless digital world is limited though, by national borders that are insurmountable for many, depending on their nationality. What does this ongoing development mean for people from third countries subject to visa requirements if they have found a partner in Europe?

Khalid* clicks on the blue-and-white circle on the app list on his smartphone. A white globe appears. Colourful dots stand for the continents and the headline reads “shake to chat”. With a quick swipe over the screen he gets the globe spinning. Suddenly he pulls his hand back and taps the still spinning earth with a pointer finger. One of the colourful dots expands, and a photo of a young woman with long brown hair appears. She is smiling into the camera: Jenny, 26, San Francisco, CA. Khalid laughs: with this app he has made friends all over the world. He wears a somewhat dusty red cap and a neon-yellow safety vest over a faded jumper. He is actually at work right now: Khalid is currently earning his living as a parking attendant at the boardwalk in the Moroccan port city of Tangier. “I speak six languages,” he says in fluent German. Khalid studied in Germany for two years. Then he had problems financing his studies, so he returned to Morocco. But he wants to go back soon, since his girlfriend is waiting for him there. “I will just marry her and then I’ll get a stamp in my passport,” he says.

The app Khalid likes so much is called Skout. On the homepage the firm attracts new users with the claim: “The world has no limits, so why should you?” Seoul, London, San Francisco, New York – in addition to meeting people from every continent, the app even offers digital tours given by locals in popular cities: “Got wanderlust? Passport lets you virtually travel to anywhere in the world”, is how this feature is described.
Digital technologies such as Skout make it seem like there is a world without borders. But the reality is different for many people: While a small percentage of the global population travels the world with relative ease, the mobility of the majority of the earth’s inhabitants is severely limited. At the edges of the European Union in particular, but also in the USA and Australia, we have witnessed an increasingly rigorous control of borders in recent years.
For people from “third countries” that are subject to strict visa requirements, like Morocco, there are few legal ways to travel to the Schengen countries. The term “third countries” refers to all countries that are not members of the European Union. To be granted a tourist visa, an applicant must demonstrate the will to return to his or her country of origin. A young man like Khalid who is not married and earns a below average income has almost no chance to be admitted to Germany. Only the highly qualified have access to a work visa. And a student visa is only granted to very few. Once they have arrived in Germany, many students find it very difficult to finance their studies and keep up with the comparatively high cost of living if they do not get support from their families. This happened to Khalid. So if he does not want to enter illegally, Europe might remain closed off to him.

Insurmountable distance?

The story of Najim and Zineb is a good example of what this restrictive immigration policy means for a couple who found each other beyond the confines of territorial boundaries. They too met in the virtual world for the first time – a site set up so young Muslim users can meet. “Find your Muslim life partner” is the slogan at muslima.com. While global networking is the focus at Skout – “from friendships to romance” – the range on this website is more specific. It offers to help people find a life partner with a Muslim background. Zineb herself admits she would not have registered on the website just to chat. She really wanted to find someone to marry. She is nearing the end of her 20s and lives in a tiny city in Morocco. “I am not the kind of person who goes out a lot and I have the internet at home and plenty of time,” she adds.

After just one week, she met Najim online. Shortly afterwards both closed their mailboxes because they did not want to receive messages from anyone else. That was two years ago and since then the two have met up every day, often for hours. Not in the same physical space though, but in the virtual world, with Zineb in front of her laptop in Morocco and Najim in Germany. They are subject to two different restrictive entry policies: Zineb is a Moroccan citizen and as a young, unmarried woman without a steady job, she cannot secure a visa for the Federal Republic of Germany. Najim has lived in Germany for fifteen years and has a permanent resident visa, but is an Iraqi citizen. He has repeatedly applied to the Moroccan embassy for a visitor’s visa, but has been refused every time with no reason given.
For the time being, the only option left is to continue their virtual relationship. Zineb was there “live” with Najim as he looked for a new apartment – he sent her photos, and she explored the neighbourhood with Google Street View. Najim has met her entire family on Skype. In addition to long talks, they watch films together, eat together, or leave the webcam on while each does his or her own thing. Today digital technologies make it easy to maintain contact and create a close bond no matter the distance. Still the situation cannot go on forever for Zineb and Najim. There is one more possible option: they plan to apply for a marriage visa for Zineb. If a third country national from a country that requires a visa is married to someone who is either an EU citizen or in possession of a resident visa has the basic right to enter the Schengen area and live with their spouse. The protection of marriage and family is guaranteed in the German Basic law, the Charta of the European Union and the Universal Declaration of Human Rights. Zineb and Najim – and Khalid – all want to invoke this right.

Digital technologies as a way of life

But in these current times of more stringent immigration monitoring of Europe’s borders, a marriage certificate is not necessarily enough to be issued a spouse visa to join a husband or wife. The authorities and consulates view immigration based on marriage as a “loophole” in the system – which became very clear during conversations with employees from these institutions. So every trick in the book is tried to limit and regulate this way of gaining entry to Europe. The first hurdle, which was introduced by Germany in 2007, is the requirement to provide proof of German proficiency for level A1, the lowest level according to the Common European Framework of Reference for Languages. Zineb, Najim’s girlfriend, has already passed this test, which is no problem for Khalid either, since he has already attended a German university. This language certificate is a prerequisite for even applying for a spouse visa.
This is followed by lists of questions and an investigation by the foreign consulate and the German Aliens Authority. The staff is tasked with finding out if this is a so-called “marriage of convenience”. This is what the authorities call a marriage that is for the sole purpose of allowing a spouse to stay in a country, and is seen as a violation of immigration law and thus a crime. This investigation can be very invasive, even demanding proof from the German partner that a relationship is “real”: plane tickets, entry and exit stamps in a passport, but also proof of regular contact via Skype. Contact via the net then becomes a kind of “proof of love”. Neither Khalid and his girlfriend, nor Zineb and Najim, will have any trouble proving their virtual contact. But how far can the authorities go, how deeply can they invade people’s private lives? Most couples reveal everything, even submitting Whatsapp messages and other conversations held online because they assume there is no other choice.
Khalid understands that it might ultimately not be as “easy” as he claimed in the beginning – until he has that stamp in his passport. So far he is stuck in Tangier and bound to his job as a parking attendant. He is now standing on the roadside mesmerised by his smartphone again, typing messages into the Whatsapp window on the display. He uses every spare minute to stay in contact with his girlfriend. She just messaged him that it was 18 degrees in Germany. He looks up as a white SUV comes closer. Suddenly, the driver honks his horn to indicate he wants to park in this lot. Khalid jumps up, for a moment he is forgetting the place where he sees his girlfriend every day, as she stares at her smartphone screen over two-thousand miles away.

* Names have been changed.

This article was originally published on Digital Development Debates.

Binationale Paare stoßen auf großes Misstrauen, sobald ein Partner aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt. Sie werden immer wieder verdächtigt, dass es bei ihrer Beziehung nicht um Liebe geht, sondern – zumindest von einer Seite – lediglich darum, an Aufenthaltspapiere zu gelangen. „Wie und wann haben Sie sich kennengelernt? Wie oft haben Sie sich gesehen in den letzten eineinhalb Jahren? Wann genau? Was haben Sie in dieser Zeit zusammen gemacht? Und was möchte ihr Mann genau arbeiten, wenn Sie hier zusammen leben? Haben Sie sich das auch gut überlegt?“ Der Fragenkatalog, dem Mona* sich in der Ausländerbehörde in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen stellen musste, war lang, die Fragen teilweise sehr intim. „Du fühlst dich wie auf einer Anklagebank, obwohl man gar nichts verbrochen hat“, sagt Mona. Nein, verbrochen hat sie nichts, aber sie steht unter Verdacht, eine Straftat begangen zu haben: „Scheinehe“. So bezeichnen die Behörden eine Ehe mit dem alleinigen Ziel, dem Partner ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen, was als ausländerrechtliche Straftat angesehen wird. Verdächtigt wird sie, weil ihre Beziehung nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht: Ihr Mann Karim ist Marokkaner, elf Jahre jünger als sie, hat die Schule abgebrochen, während sie studierte und Karriere machte. Auch Karim wurden unangenehme Fragen gestellt, als er im deutschen Konsulat in Marokko das Visum für den „Ehegattennachzug“ beantragte. Die Mitarbeiterin am Schalter hätte ihn darauf hingewiesen, dass er doch noch zu jung sei, um zu heiraten, berichtet der 21-Jährige. Anschließend habe sie ihn gefragt, ob er auch eine Frau in dem Alter geheiratet hätte, wenn sie Marokkanerin gewesen wäre. Das fand er schlimm: „Warum nicht?“ Für ihn ist es Schicksal, dass er Mona getroffen hat. Unterstellt wird ihm Berechnung. „Ich verstehe nicht, warum es so ein großes Problem ist, dass meine Frau älter ist als ich“, sagt Karim. Der Prophet Mohammed habe auch eine Frau gehabt, Khadija, die zwanzig Jahre älter war als er. „Mir ist bewusst, dass in Europa viele denken, dass marokkanische Männer nur mit einer europäischen Frau zusammen sind, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen“, erklärt er. Aber das stimme nicht. Das gäbe es, aber es sei nicht die Mehrheit. Eine Person aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ wie Marokko, die mit einem deutschen Staatsangehörigen verheiratet ist, hat grundsätzlich das Recht auf eine Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik, da Ehe und Familie nach dem Grundgesetz sowie den Menschenrechten unter Schutz stehen. Als „Drittstaaten“ gelten alle Länder, die nicht der Europäischen Union angehören. Normalerweise ist es für die meisten Menschen aus Marokko schwierig, für viele unmöglich, ein Visum für Deutschland zu bekommen, besonders wenn sie keine feste Arbeit haben, jung und nicht verheiratet sind. Wie es bei Karim der Fall war, bevor er Mona kennenlernte. Aus der Perspektive der Konsulate und Ausländerbehörden ist die Heirat damit ein „Schlupfloch“, mit dem die strikten Einreisebestimmungen umgangen werden können. Ihre Aufgabe ist es den Missbrauch dieses Grundrechts zu verhindern. Aber wie lässt sich nachweisen, ob es sich bei einer Ehe um eine „richtige“ oder um eine Scheinehe handelt? Ob ein Paar tatsächlich aus Liebe zusammen ist oder nur der Papiere wegen? Mona musste zu dem Termin bei der Ausländerbehörde unterschiedliche „Liebesbeweise“ mitbringen: zum Beispiel Fotos von ihrer gemeinsam verbrachten Zeit. Per E-Mail hat Mona der Ausländerbehörde außerdem die Whatsapp-Nachrichten der letzten zwei Monate zukommen lassen. In ihrem Reisepass wurden die Stempel für die Ein- und Ausreise nach Marokko kontrolliert. Falls nach einem solchen Termin bei der Ausländerbehörde immer noch Zweifel bestehen, wird das Instrument der „gleichzeitigen Ehegattenbefragung“ eingesetzt: Beide Partner werden zur gleichen Zeit jeweils im deutschen Konsulat in Marokko und in einer Ausländerbehörde in Deutschland vorgeladen und interviewt. Es werden ihnen die gleichen Fragen gestellt, wie zum Beispiel nach dem Lieblingsessen, dem Traumreiseziel oder dem Kinderwunsch des Partners. Anschließend wird verglichen und eine Entscheidung getroffen. Obwohl die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde Mona eher keine Hoffnung gemacht hatte, als sie sich nach dem Gespräch verabschiedete, hatten die beiden Glück oder haben anscheinend überzeugt: Nur zwei Tage später erhielt Karim in Marokko einen Anruf, dass er nach Rabat ins Konsulat kommen könne, um sein Visum abzuholen. Natürlich gibt es Eheschließungen, die ausschließlich zur Erlangung eines Aufenthaltsrechts geschlossen werden. Sie sind eine Folge der starken Ungleichheit sowohl bezüglich des Lebensstandards als auch der Bewegungsfreiheit zwischen Staatsbürgern der Europäischen Union und sogenannten „visumspflichtigen Drittstaatsangehörigen“. Für einen Marokkaner, der zum Beispiel Deutsch auf B2-Niveau gelernt hat und dessen Traum es ist, in Deutschland zu studieren, der viel Geld und Zeit investiert hat und dessen Visumsantrag immer wieder abgelehnt wurde – für ihn bedeutet eine deutsche Frau die Erfüllung seines Traums. Internetportale wie Jappy.de und Badoo.com oder auch Facebook machen die Suche einfach. Manchmal findet sich dort die Frau fürs Leben, manchmal eine, die einfach behilflich ist. Es gibt Fälle, wo Geld fließt, und wiederum andere, wo die deutsche Frau einfach in dem Glauben gelassen wird, dass es um echte Zuneigung geht. Die umfassenden Scheineheüberprüfungen sind Teil einer europäischen Migrationspolitik, die in den letzten zehn Jahren zu einer zunehmenden Schließung der EU-Außengrenzen geführt hat. Gleichzeitig treffen im Zuge der Globalisierung immer mehr Menschen unterschiedlicher Nationalitäten aufeinander. „In Deutschland ist jede siebte Eheschließung eine binationale Verbindung, und jedes dritte Kind, das geboren wird, hat Eltern unterschiedlicher Nationalitäten“, schreibt der Verband binationaler Familien und Partnerschaften auf seiner Homepage. Binationale Partnerschaften seien nicht nur private Lebensentwürfe Einzelner, sondern zugleich Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Durch eine hohe berufliche Mobilität, aber auch durch den globalen Tourismus ist es keine Seltenheit mehr, dass man seinen Partner in einem anderen Land findet. Mona und Karim haben sich kennengelernt, als sie 2012 für einen Freiwilligendienst nach Marokko reiste. Sie hatte in Casablanca Kindern aus einem relativ armen Viertel Englisch- und Französischunterricht gegeben. Karims Schwester war eine ihrer Schülerinnen und lud sie eines Tages zum Couscous-Essen in ihre Familie ein. Dort haben sich die beiden zum ersten Mal getroffen. Mona besuchte ab diesem Zeitpunkt öfter die Familie. Als sie einige Monate nach ihrem Freiwilligendienst wieder nach Marokko kam, um mit ihrer Schwester zu reisen, fragte sie Karim, ob er Lust hätte, sie zu begleiten. Nach und nach entwickelte sich mehr zwischen ihnen und sie beschlossen sich zu verloben. Im Januar 2014 haben sie schließlich geheiratet. Das klingt nach einer romantischen Liebesgeschichte, doch auch hier kamen kritische Nachfragen. Die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde sagte zu Mona, dass es auffällig sei, dass sie so schnell geheiratet hätten. In Marokko seien allerdings eineinhalb Jahre eher eine lange Zeit, erklärt Mona. „Aber das ist mit deutschen Maßstäben gemessen. So nach dem Motto, man muss mindestens acht Jahre zusammen sein, bevor man heiratet.“ Schon zwei Wochen nachdem Karim das Visum abgeholt hatte, saß er im Flugzeug Richtung Deutschland. Die beiden sind glücklich, nun zusammen zu sein. Doch der Behördenmarathon geht weiter: In zwei Wochen haben sie wieder einen Termin bei der Ausländerbehörde, um Karims Visum um ein Jahr zu verlängern. Den Stapel Unterlagen, den sie wieder vorlegen müssen, haben sie schon beisammen. Unangenehme Fragen werden dieses Mal keine mehr gestellt, hoffen die beiden. * Namen geändert. Erstveröffentlichung bei Hinterland - Ein Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrates.

Unter Verdacht

Binationale Paare stoßen auf großes Misstrauen, sobald ein Partner aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt. Sie werden immer wieder verdächtigt, dass es bei ihrer Beziehung nicht um Liebe geht, sondern – zumindest von einer Seite – lediglich darum, an Aufenthaltspapiere zu gelangen.

„Wie und wann haben Sie sich kennengelernt? Wie oft haben Sie sich gesehen in den letzten eineinhalb Jahren? Wann genau? Was haben Sie in dieser Zeit zusammen gemacht? Und was möchte ihr Mann genau arbeiten, wenn Sie hier zusammen leben? Haben Sie sich das auch gut überlegt?“ Der Fragenkatalog, dem Mona* sich in der Ausländerbehörde in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen stellen musste, war lang, die Fragen teilweise sehr intim. „Du fühlst dich wie auf einer Anklagebank, obwohl man gar nichts verbrochen hat“, sagt Mona. Nein, verbrochen hat sie nichts, aber sie steht unter Verdacht, eine Straftat begangen zu haben: „Scheinehe“. So bezeichnen die Behörden eine Ehe mit dem alleinigen Ziel, dem Partner ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen, was als ausländerrechtliche Straftat angesehen wird. Verdächtigt wird sie, weil ihre Beziehung nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht: Ihr Mann Karim ist Marokkaner, elf Jahre jünger als sie, hat die Schule abgebrochen, während sie studierte und Karriere machte.

Auch Karim wurden unangenehme Fragen gestellt, als er im deutschen Konsulat in Marokko das Visum für den „Ehegattennachzug“ beantragte. Die Mitarbeiterin am Schalter hätte ihn darauf hingewiesen, dass er doch noch zu jung sei, um zu heiraten, berichtet der 21-Jährige. Anschließend habe sie ihn gefragt, ob er auch eine Frau in dem Alter geheiratet hätte, wenn sie Marokkanerin gewesen wäre. Das fand er schlimm: „Warum nicht?“ Für ihn ist es Schicksal, dass er Mona getroffen hat. Unterstellt wird ihm Berechnung. „Ich verstehe nicht, warum es so ein großes Problem ist, dass meine Frau älter ist als ich“, sagt Karim. Der Prophet Mohammed habe auch eine Frau gehabt, Khadija, die zwanzig Jahre älter war als er. „Mir ist bewusst, dass in Europa viele denken, dass marokkanische Männer nur mit einer europäischen Frau zusammen sind, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen“, erklärt er. Aber das stimme nicht. Das gäbe es, aber es sei nicht die Mehrheit.

Eine Person aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ wie Marokko, die mit einem deutschen Staatsangehörigen verheiratet ist, hat grundsätzlich das Recht auf eine Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik, da Ehe und Familie nach dem Grundgesetz sowie den Menschenrechten unter Schutz stehen. Als „Drittstaaten“ gelten alle Länder, die nicht der Europäischen Union angehören. Normalerweise ist es für die meisten Menschen aus Marokko schwierig, für viele unmöglich, ein Visum für Deutschland zu bekommen, besonders wenn sie keine feste Arbeit haben, jung und nicht verheiratet sind. Wie es bei Karim der Fall war, bevor er Mona kennenlernte.

Aus der Perspektive der Konsulate und Ausländerbehörden ist die Heirat damit ein „Schlupfloch“, mit dem die strikten Einreisebestimmungen umgangen werden können. Ihre Aufgabe ist es den Missbrauch dieses Grundrechts zu verhindern. Aber wie lässt sich nachweisen, ob es sich bei einer Ehe um eine „richtige“ oder um eine Scheinehe handelt? Ob ein Paar tatsächlich aus Liebe zusammen ist oder nur der Papiere wegen? Mona musste zu dem Termin bei der Ausländerbehörde unterschiedliche „Liebesbeweise“ mitbringen: zum Beispiel Fotos von ihrer gemeinsam verbrachten Zeit. Per E-Mail hat Mona der Ausländerbehörde außerdem die Whatsapp-Nachrichten der letzten zwei Monate zukommen lassen. In ihrem Reisepass wurden die Stempel für die Ein- und Ausreise nach Marokko kontrolliert.

Falls nach einem solchen Termin bei der Ausländerbehörde immer noch Zweifel bestehen, wird das Instrument der „gleichzeitigen Ehegattenbefragung“ eingesetzt: Beide Partner werden zur gleichen Zeit jeweils im deutschen Konsulat in Marokko und in einer Ausländerbehörde in Deutschland vorgeladen und interviewt. Es werden ihnen die gleichen Fragen gestellt, wie zum Beispiel nach dem Lieblingsessen, dem Traumreiseziel oder dem Kinderwunsch des Partners. Anschließend wird verglichen und eine Entscheidung getroffen. Obwohl die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde Mona eher keine Hoffnung gemacht hatte, als sie sich nach dem Gespräch verabschiedete, hatten die beiden Glück oder haben anscheinend überzeugt: Nur zwei Tage später erhielt Karim in Marokko einen Anruf, dass er nach Rabat ins Konsulat kommen könne, um sein Visum abzuholen.

Natürlich gibt es Eheschließungen, die ausschließlich zur Erlangung eines Aufenthaltsrechts geschlossen werden. Sie sind eine Folge der starken Ungleichheit sowohl bezüglich des Lebensstandards als auch der Bewegungsfreiheit zwischen Staatsbürgern der Europäischen Union und sogenannten „visumspflichtigen Drittstaatsangehörigen“. Für einen Marokkaner, der zum Beispiel Deutsch auf B2-Niveau gelernt hat und dessen Traum es ist, in Deutschland zu studieren, der viel Geld und Zeit investiert hat und dessen Visumsantrag immer wieder abgelehnt wurde – für ihn bedeutet eine deutsche Frau die Erfüllung seines Traums. Internetportale wie Jappy.de und Badoo.com oder auch Facebook machen die Suche einfach. Manchmal findet sich dort die Frau fürs Leben, manchmal eine, die einfach behilflich ist. Es gibt Fälle, wo Geld fließt, und wiederum andere, wo die deutsche Frau einfach in dem Glauben gelassen wird, dass es um echte Zuneigung geht.

Die umfassenden Scheineheüberprüfungen sind Teil einer europäischen Migrationspolitik, die in den letzten zehn Jahren zu einer zunehmenden Schließung der EU-Außengrenzen geführt hat. Gleichzeitig treffen im Zuge der Globalisierung immer mehr Menschen unterschiedlicher Nationalitäten aufeinander. „In Deutschland ist jede siebte Eheschließung eine binationale Verbindung, und jedes dritte Kind, das geboren wird, hat Eltern unterschiedlicher Nationalitäten“, schreibt der Verband binationaler Familien und Partnerschaften auf seiner Homepage. Binationale Partnerschaften seien nicht nur private Lebensentwürfe Einzelner, sondern zugleich Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Durch eine hohe berufliche Mobilität, aber auch durch den globalen Tourismus ist es keine Seltenheit mehr, dass man seinen Partner in einem anderen Land findet.

Mona und Karim haben sich kennengelernt, als sie 2012 für einen Freiwilligendienst nach Marokko reiste. Sie hatte in Casablanca Kindern aus einem relativ armen Viertel Englisch- und Französischunterricht gegeben. Karims Schwester war eine ihrer Schülerinnen und lud sie eines Tages zum Couscous-Essen in ihre Familie ein. Dort haben sich die beiden zum ersten Mal getroffen. Mona besuchte ab diesem Zeitpunkt öfter die Familie. Als sie einige Monate nach ihrem Freiwilligendienst wieder nach Marokko kam, um mit ihrer Schwester zu reisen, fragte sie Karim, ob er Lust hätte, sie zu begleiten. Nach und nach entwickelte sich mehr zwischen ihnen und sie beschlossen sich zu verloben. Im Januar 2014 haben sie schließlich geheiratet. Das klingt nach einer romantischen Liebesgeschichte, doch auch hier kamen kritische Nachfragen. Die Mitarbeiterin der Ausländerbehörde sagte zu Mona, dass es auffällig sei, dass sie so schnell geheiratet hätten. In Marokko seien allerdings eineinhalb Jahre eher eine lange Zeit, erklärt Mona. „Aber das ist mit deutschen Maßstäben gemessen. So nach dem Motto, man muss mindestens acht Jahre zusammen sein, bevor man heiratet.“

Schon zwei Wochen nachdem Karim das Visum abgeholt hatte, saß er im Flugzeug Richtung Deutschland. Die beiden sind glücklich, nun zusammen zu sein. Doch der Behördenmarathon geht weiter: In zwei Wochen haben sie wieder einen Termin bei der Ausländerbehörde, um Karims Visum um ein Jahr zu verlängern. Den Stapel Unterlagen, den sie wieder vorlegen müssen, haben sie schon beisammen. Unangenehme Fragen werden dieses Mal keine mehr gestellt, hoffen die beiden.

* Namen geändert.

Erstveröffentlichung bei Hinterland – Ein Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrates.

sanddiggers_rechteck

The new gold diggers

Autumn 2012, a beach in Asilah, a little coastal town in northern Morocco; As I pressed the shutter button someone walked up the hill in my direction and started swearing at me in Arabic loudly, signalling that I should hand over the camera. What was the problem? What were these people digging for?

It took me two years to find the answer: Sand is the “new environmental time bomb”, as a recent movie shows. Together with gravel, sand holds the largest share of solid material extracted world wide. Sand is processed in numerous products we use every day such as glass, detergents, cosmetics and even in microchips. However, the global construction boom has made sand one of the most important raw materials in the world. Desert sand isn’t suitable for the production of cement, so digging focuses on  coastal areas. Morocco is one of the hotspots for this exploitation. More than half of the sand is thereby extracted illegally: “illegal” since the Moroccan government included the theft of sand into article 517 of their criminal code in 2011. The penalty ranges from a fine of 500 Dirham (= 45 Euro) per cubic meter of sand to five years in prison. As a consequence of the huge extraction whole beaches are slowly disappearing in the North African country, supposedly for the benefit of the tourism industry. „Until today 40 to 45 percent of the sand has been stolen. This is a huge amount and a real environmental fiasco,” Othmane Mernissi,  president of the Moroccan Association of Granulate Manufacturers said, in the documentary.

But do the men of Asilah have an alternative? And what must this beach have looked like ten years ago?

First published on transformations.

What a woman should be like

A fieldnote from a hairdressing salon in Munich, Germany (December 2013).

They are staring at me like hungry cats: Big, heavily made-up eyes in deep, dark holes. Under the proportionally large head with high cheekbones and perfectly shaped lips the slim body begins. Like a skeleton, you can see every detail of the protruding shoulders and collarbone. The legs come out of the bony trunk like toothpicks and end sometimes with very high heels, sometimes with knee-high boots. Their clothes range from „sexy and casual“ to „glamour and glitter“ to the new „pyjama-look“.
They keep on staring and I stare at them. Until I finally manage to look up from the magazine which is meant to give me an impression of the new hair trends while waiting. I see myself in the huge mirrors in front of and behind me. I’ve never seen a woman with these proportions in reality, except once: a girl who now stays in a community for anorexics. Is this the current ideal of female perfection? Which women and young girls actually read these magazines? And what do these pictures make out of their self-perception?
Now the door opens and two women enter the hairdressing salon. One of the hairdressers welcomes them and the younger one takes a seat next to me. But it is not she who starts to explain how she would like her hair. Instead, her companion seems to have a very specific idea about how she should look like when she leaves the salon. The older woman describes the younger one’s desired haircut in detail as well as the type of blonde highlights which should be very different to those she already has. From time to time she whips out her smartphone and presents some pictures to be sure that the hairdresser really gets what she conceives. This situation makes me chuckle. This poor girl, I think, how can a mother be so patronizing?
A few seconds later I realize that they are not daughter and mother, but a young woman with her style consultant. „You have to know her background,“ explains the ‘style’ expert to the hairdresser. „She is only 22 and already has a very good position in a big construction company. Her boss regularly takes her to business dinners in the evening. So she is working in a real male-dominated area.“ She keeps quiet for a moment nodding to her young client who answers with an unconfident smile. And then she turns to the hairdresser: „That means: We need a tough AND beautiful woman!“
So what did I learn about women’s situation today from this short but astonishing stay in the hairdressing salon? Firstly, that contemporary ideals of beauty are as unreachable as never before (though Photoshop may help). Secondly, that there is only one way to come closer to this look: investments and more investments of time and money. A willingness to stop eating. And of course: a style consultant. And finally: that in order to be a successful woman, it is not enough to be tough and intelligent, you also have to be beautiful and appeal to your boss. I thought we had come a little further than this.

More about what the media actually does to women by Jean Kilbourne on upworthy.com

Bon_voyage

Who actually benefits?

Backpacking in Mexico; volunteering in India; surfing in South Africa; relaxing in Thailand – the current generation is travelling a lot and preferably in regions far away, on the other side of the globe. You can learn languages, gain “intercultural competence“, meet interesting people. Back at home the travellers draw on the experiences they gained and tell their family and friends of the fantastic beaches and the great hospitality. But isn’t it weird to travel around the world while the majority of the global population isn’t able to get neither a flight ticket nor a visa? Doesn’t tourism in the Global South* rather stand for a neocolonial age than for liberty and borderless mobility?

„Travel to Egypt, then you help the economy,“ was the general consensus in the last year at the International Tourism Fair (ITB) in Berlin. After the mass demonstrations at Cairo’s Tahrir square tourism in Egypt has fallen by around 80 %. After one year the loss lies at around 30 %. With the fall of President Mohammed Mursi and the current conflicts the number of visitors declined once again. The former minister of tourism, Mounir Fakhry Abdel Nour, commented in a press statement that the government has to give work to 800,000 young people: “It cannot give up on holidaymakers”. The tourism industry is one of the biggest economic sectors in the world and produces 9 % of the global GDP (Gross Domestic Product). Almost 9 % of the world population is employed in this branch. For countries in the Global South, which are struggling with high unemployment and a weak economy, tourism especially is often the most important pillar of the local economy. So far so good. Wouldn’t that mean that travelling is a good thing? Travellers boost the economy. Yet this is not the whole story. International tourism also triggers strong dependencies between usually poor countries hosting tourists from the wealthy Global North. In such a system of interdependency, political changes and natural disasters can quickly cause a catastrophy: When tourists suddenly stay at home, the touristic infrastructure is no longer used and people are losing their jobs.

And the ecological footprint?

What is a benefit for some might be harmful for others. Cheap flight tickets and economic wealth make distances appear shorter and remote places more accessible. 9 hours from London to New Delhi. 13 hours from Paris to Johannesburg. 14 hours from Berlin to Mexico City. Thanks to the progress in aviation it is worth travelling to countries on the other side of the globe for just two weeks of vacation. But while global air traffic is increasing every year, only 5 % of the worldwide population has ever seen a plane from the inside. And the mobile elite who are jetting around usually come from the Global North.

Besides this unequal use of air transport the ecological impact of the highly mobile lifestyle of a minority is huge: Of all transport vehicles, the plane is the one with the highest emission of CO2. But it is mainly the population of the Global South that bears the consequences of the resultant changes in climate and shoulders the subsequent negative environmental impacts. In these so-called “emerging and developing countries” a significant part of the population make their living through agriculture and are therefore particularly vulnerable to changes in climate conditions. Due to the rise of the sea level, the increasing aridity and droughts the living environment of many people is threatened. In addition to air travel, tourism produces many other negative side effects. One of them is the higher water consumption and the destruction of nature through the construction of big hotel complexes and leisure areas such as golf courses.

But why does the number of people who are travelling the world by plane remain so low? Being mobile is also linked to the availability of financial resources and questions of citizenship. With a passport from an EU member state you get access to almost every country in the world. At the same time, the European Union is toughening its borders –  especially towards migrants from African states. Depending on the country of origin, one person may move freely around the world while another is immobile in the face of restrictive border regimes and migration policies.

Long-distance tourism as „postcolonial travelling“

Most of those countries of the Global South usually toured today were colonized for centuries. The invasion of the Europeans in the contemporary America at the end of the 15th century was the beginning of occupation and exploitation. At the beginning of the 19th century, 85 % of the world was occupied by Europeans. The influence on politics, the economy and the colonized societies was immense. Today, most of these countries are officially independent. But the old power relations are still visible: they are inscribed in economic, legal and administrative links to the former colonial powers as well as in official languages, education systems and religious orientations. This is why long-distance tourism is a sort of „postcolonial travelling“, says Karlheinz Wöhler, a tourism researcher at the Leuphana University in Lüneburg, in one of his articles. According to him, long-distance tourism is the “occupation” of spaces that have been colonialized before and where tourists regard the population as people who are still living in past times. This means that when people of the Global North travel, they often search for the exotic other, the different, the contrast, in order to escape their everyday life, but also to discover themselves. They are searching for a new perspective on life. In this moment it is convenient to divide the globus in a progressive, modern and a non-developed, culturally outdated world.

When tourists move, for example, through the impressive old medinas of Moroccos’ royal cities they meet craftsmen, musicians and covered women; tourists often see them through the lens of an “Orient”. They discover a traditional, ancient, and colourful country recalling pictures of “1001 nights”. The Moroccan middle class families where both parents work, where the kids speak several languages and go to private schools in preparation for their studies abroad do not exist on such an “oriental” journey. Neither do the students and activists who are fighting for better education, for equality between women and men, or freedom of expression. Such success often remains unseen. These people do not fit into the image of a country that should be different and reactionary in comparison to their own life world.

At a conference in Tangier in Morocco in February of this year the political scientist Hamed Abdel-Samad said that Egypt really needs tourism. But not the tourists who keep driving the highway of prejudices, needed were those who get into real exchange with people. Global tourism offers a unique opportunity to bring people from different regions and backgrounds together. To make use of it, realizing the own privilege and responsibility is a first step. Watching further over the own footprint is even better. There is often an alternative to the long-haul journey. Is it really necessary to travel around the globe to have some nice moments and to relax? A trip in the mountains or to the sea just next to you might serve the same purpose. Perhaps at the end a lot of more people could benefit.

The term Global South describes a position which is socially, politically and economically disadvantaged in the global system. Global North means a privileged position. The division refers to different experiences with colonialism and exploitation. This concept is not just used on a geographical level,  but also in the sense of hierarchies within a country (e.g. Aborigenes in Australie or illegalized people in Europe). Thereby judgemental terms like „non-developed countries“ or „Third World“ can be avoided (see further: glokal e.V.).

First published on transformations.

Literature:
Backes, Martina; Goethe, Tina; Günther, Stephan; Magg, Rosalie (Hg.): Im Handgepäck Rassismus. Beiträge zu Tourismus und Kultur. 2002.
Christin, Rodolphe: Manuel de l‘antitourisme. 2008.
Glokal e.V. (Hg.): Mit kolonialen Grüßen … Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet. 2012.
Wöhler, Karlheinz: Fernreisen als postkoloniales Reisen. In: Baumgartner, Christian; Luger, Kurt; ders. (Hg.): Ferntourismus wohin? Der globale Tourismus erobert den Horizont. 2004.

Associations/Networks:
TourismWatch, Tourism Concern, GATE – Netzwerk, Tourismus, Kultur e.V., forum anders reisen e.V.

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Schluss mit Folklore

Über Europa wurde viel diskutiert in den letzten Monaten. Politiker werben für ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. EU-Bürger werden mit unterschiedlichsten Programmen mobilisiert, um sich in ganz Europa wie zu Hause zu fühlen. Gleichzeitig werden nationalistische Gruppierungen stark und die EU als Wirtschaftsgemeinschaft wegen der Euro-Krise in Frage gestellt. Doch wie wird die Staatengemeinschaft eigentlich von außen gesehen? Ich habe in Deutschland mit jungen Leuten aus Nicht-EU-Staaten über ihre Sicht auf Europa gesprochen. „In Marokko denken viele, dass in Europa alles ganz einfach ist. Man kann einfach Geld verdienen und Arbeit finden,“ meint Bilal. Er ist in der marokkanischen Stadt Tanger aufgewachsen und vor drei Monaten für das Studium nach Deutschland gekommen. Dieses rundum positive Bild von Europa entstehe zum einen durch die Touristen, die Tag für Tag mit der Fähre von Spanien nach Marokko übersetzen. Sie könnten es sich leisten zu reisen, wohnen in Hotels und essen in für marokkanische Verhältnisse teuren Restaurants. Aber auch die marokkanischen Auswanderer, die jeden Sommer zurück in ihr Heimatland kommen, verstärkten diese Vorstellung. Sie tragen neue Kleidung und reisen mit einem eigenen Auto an. „Aber die haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und das Auto ist oft nur geliehen,“ erklärt Bilal in fließendem Deutsch. „Sie wollen ein positives Bild zeigen, aber hinter dem Aussehen steckt mehr.“ Er hat festgestellt, dass man als Einwanderer in Deutschland „irgendwo“ arbeiten müsse, egal ob man eine Ausbildung hat oder nicht. Mit „irgendwo“ meint er Jobs, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen. Bilal erzählt zum Beispiel von einem Verwandten, der in Tanger Geologie studiert hat und unbedingt nach Deutschland wollte. Jetzt sei er hier und arbeite in einer Bäckerei. „Er ist total unglücklich. So hatte er sich das einfach nicht vorgestellt.“ Der indische Ethnologe Arjun Appadurai sieht in der heutigen globalisierten Welt die Fantasie als den Motor für die Gestaltung des sozialen Lebens vieler Menschen. Er meint damit, dass durch die rasche und weite Verbreitung von Massenmedien sowie die scheinbar grenzenlose Mobilität von Menschen, Bildern, Nachrichten und Waren die Bedeutung der Vorstellungskraft enorm zugenommen hat und die Imaginationen sogar das individuelle Handeln stark beeinflussen. So machen sich zum Beispiel viele Menschen auf den Weg um das vorgestellte bessere Leben anderswo zu finden – sie migrieren vom Land in die Stadt oder umgekehrt, sie gehen auf Reisen oder versuchen eben nach Europa zu kommen wie Bilals Verwandter. Auch Bilal selbst träumte schon seit vielen Jahren davon in Deutschland zu studieren. Direkt nach dem Abitur hat er angefangen Deutsch zu lernen. Bis zum Niveau B2, dem Vierten von insgesamt sechs Niveaus nach dem Europäischen Referenzrahmen, hat er die Fremdsprache gelernt und die Prüfung bestanden. Auch die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität hatte er bewilligt bekommen. Schließlich hing das Auslandsstudium nur noch vom Visum ab – und es kam ein negativer Bescheid ohne Begründung. Also studierte Bilal in Tanger Jura. Als das Visum nach dem Bachelor wieder abgelehnt wurde, fand er eine Arbeit als Deutschlehrer. Zehn Jahre lang hat er es immer wieder probiert, aber er bekam keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Während Europäer innerhalb des Schengenraums absolute Freizügigkeit genießen und sich auch weltweit mit ihrem Pass relativ frei bewegen können, werden die EU-Außengrenzen geschlossen und jungen Menschen aus Ländern wie Marokko die Mobilität erschwert oder sogar verwehrt. Nach der EU-Visum-Verordnung sind die Länder außerhalb der Europäischen Union in „visumsfreie“ und „visumspflichtige Drittstaaten“ eingeteilt. Wer aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt, kann nicht ohne Visum in die Europäische Union einreisen. Eine Einreiseerlaubnis ist an verschiedene Bedingungen geknüpft und am Ende liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörden. In diesem Frühjahr hat Bilal seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und plötzlich kam der positive Bescheid, dass er für das Studium nach Deutschland einreisen kann. Doch Bilals Blick auf Europa hatte sich verändert. „Ich kenne viele Leute, die erzählen die Realität, deswegen konnte ich mir vorstellen, dass auch Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.“ Jetzt lebt er in Kiel, wo er einen Masterstudienplatz bekommen hat. Was ihm dort sofort aufgefallen ist, sind große Unterschiede zwischen Arm und Reich, die er in Europa nicht erwartet hätte. „Man sieht das an den Autos, den Klamotten und den unterschiedlichen Stadtvierteln,“ beschreibt Bilal. Verwundert hat er jeden Abend beobachtet wie so viele Menschen mit ihren Fahrrädern und Behältern durch die Stadt fahren, jeder mit einem Licht in der Hand und Pfandflaschen sammeln. Das sei auch ein Gesicht der Armut. „Aber das sehen die Menschen in Marokko nicht und deswegen denken sie Europa sei das Paradies. Aber das Paradies ist das hier nicht.“ „Europäisch bedeutet offen gegenüber den Mitmenschen zu sein“ Die Ukrainerin Iryna, 23, kam vor eineinhalb Jahren als Au-pair nach Deutschland. Sie hatte vor ihrer Ausreise ein rundum positives Bild von Europa – beziehungsweise von den Ländern der Europäischen Union. Denn rein geographisch gehört die Ukraine auch zu Europa und trotzdem fühlen sich die Menschen in diesem Land ausgeschlossen von der gemeinschaftlichen Idee Europas und viele Ukrainer und Ukrainerinnen wünschen sich die EU-Mitgliedschaft. Wenn Iryna sagt, Lviv, wo sie Journalismus studiert hat, sei auch eine europäische Stadt, meint sie nicht, dass dieser Ort auch Teil Europas ist sondern mit der Bezeichnung „europäisch“ verbindet sie gewisse Vorstellungen und Lebensweisen. Es gehe um die Mentalität der Leute und was sie möchten im Leben, erklärt sie. „Die Offenheit gegenüber den Mitmenschen. Das Verständnis, dass jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse und Ideen hat. Und das Recht, diesen individuellen Stil zu leben.“ Sie hat das Gefühl, dass man in Deutschland anziehen könne, was man will und man fühle sich wohl damit. In Europa könne man sich individuell entwickeln und den eigenen Weg finden. In der Ukraine gäbe es dagegen einen Standard, wie es gut ist und wenn man dem nicht entspreche, würden die Leute schauen. Auch seien die Menschen in Deutschland offen und freundlich. „Sie lachen einfach zu dir. Bei uns, wenn dich jemand anlacht, denkst du gleich, er ist in dich verliebt,“ sagt Iryna. „Aber in Lviv sind die Leute schon wie in Europa, weil sie auch diese Idee haben.“ Es seien ihrer Meinung nach die vielen Ukrainer und Ukrainerinnen, die in der Europäischen Union arbeiten und diese neue Idee und Kultur mit nach Hause bringen. Europa ist für Iryna auch das viele Grün in den Städten und die Bewegungskultur. Sie selbst liebt Sport und ist begeistert davon, wie sportliche Aktivitäten hier in den Alltag integriert sind. Diesen Trend könne sie ebenfalls in Ansätzen bei jungen Leuten in ihrer Heimat beobachten. Doch Iryna hat auch negative Erfahrungen mit dem Europa gemacht, das sie so begeistert. Die Einreisebestimmungen in die Europäische Union sind für Menschen aus der Ukraine trotz dem Visumerleichterungsabkommen von 2007 relativ strikt, genauso wie für Bürger aus anderen Nicht-EU-Ländern, die als sogenannte „visumspflichtige Drittstaaten“ kategorisiert sind. Als sie das letzte Mal ihre Eltern in der Ukraine besucht hat, musste sie auf der Rückfahrt sieben Stunden lang an der Grenze zu Polen im Bus warten. Es wurden die Unterlagen von jedem Reisenden genauestens überprüft und anschließend jedes Gepäckstück durchsucht. In diesen Momenten wird Iryna traurig. „Es fehlt einfach an Vertrauen,“ schätzt sie die Situation ein. „Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert und die Ukraine auch Europa wird.“ „Der Gemeinschaftsgedanke ist eine geniale Idee“ Navids* einzige Angst vor seinem Aufenthalt in Europa war, wie die Menschen dort ihm gegenüber reagieren würden, wenn sie erfuhren, aus welchem Land er kommt. Der 27-jährige ist Iraner und hatte schon vor seiner Ausreise die Vermutung, dass in Europa ein sehr einseitiges und negatives Bild von seinem Heimatland vorherrsche. Schon seit langer Zeit verfolgt er die westliche Berichterstattung. Im Internet informiert er sich unter anderem über die Seiten der BBC und der Deutschen Welle. Er hatte das Gefühl, dass die Bilder und Aussagen in den Medien nicht die Realität im Iran wiedergeben. Zum Beispiel gab es im Jahr 2009 nach den Präsidentschaftswahlen im Iran öffentliche Proteste gegen das offizielle Wahlergebnis. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. „In den westlichen Medien wurden damals nur Aufnahmen von diesen Straßenschlachten gezeigt,“ erinnert sich Navid. „Aber ich war auch beteiligt an den Protesten. Ich war mitten in der Menschenmenge und habe auch ein Transparent hochgehalten und mir ist nichts passiert.“ Er hätte sich gewünscht, dass auch diese friedlichen Demonstrationen gezeigt worden wären. Im Gespräch mit Touristen fand er heraus, dass auch die Reisenden zunächst ein ganz falschen Bild von der iranischen Bevölkerung hätten. „Eine Touristin erzählte mir, dass sie so positiv überrascht sei von dem Land,“ sagt Navid. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen in Europa erfahren, dass auch die Iraner eigentlich sehr offen und kommunikativ gegenüber Ausländern seien. Schließlich hat Navid es am eigenen Leib erfahren, dass viele Menschen in Europa anscheinend tatsächlich schlecht und undifferenziert über Menschen iranischer Herkunft denken und zwar an seinem ersten Arbeitstag. Navid sollte eigentlich seit Oktober letzten Jahres bereits in München an einem Doktorandenprogramm der TU München teilnehmen. Er ist Ingenieur und kommt von einer der besten Universitäten im Iran. Allerdings hatte er Probleme mit dem Visum und konnte am Ende erst vor zwei Monaten einreisen und musste somit auch später in das Programm einsteigen. Seit dem Konflikt um das iranische Nuklearprogramm und der damit einhergehenden politischen Krise zwischen seinem Heimatland und Europa sei es auch schwieriger geworden ein Visum zu bekommen, meint Navid. Als er schließlich im April doch seine Arbeit antreten konnte, wurde er in der Mitarbeiterrunde gefragt, warum er denn das Visum nicht rechtzeitig bekommen hätte. „Ich habe versucht es ihnen zu erklären und plötzlich sagte ein Kollege hinter mir: Das ist doch normal. Der ist Terrorist,“ erzählt Navid und man kann ihm in diesem Moment ansehen, wie sehr ihn dieser Kommentar damals getroffen haben muss. Er ging im Anschluss auf den Mitarbeiter zu und fing an mit ihm zu reden und seine Situation darzustellen. Es hatte Wirkung. „Heute sind wir die besten Freunde.“ Seitdem diskutiert er viel mit seinen Kollegen über sein Land, über Deutschland und Europa, über Kultur und Religion, über Politik und Geschichte. Es begeistere ihn so viel Neues zu erfahren und nach und nach diese Gesellschaft immer besser zu verstehen. „Meiner Meinung nach ist der Gemeinschaftsgedanke der Europäischen Union eine geniale Idee.“ * Name wurde geändert: Navid möchte eines Tages in den Iran zurückkehren und aufgrund der politischen Spannung seinen Namen nicht in westlichen Medien lesen.

„Das Paradies ist das hier nicht“

Über Europa wurde viel diskutiert in den letzten Monaten. Politiker werben für ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. EU-Bürger werden mit unterschiedlichsten Programmen mobilisiert, um sich in ganz Europa wie zu Hause zu fühlen. Gleichzeitig werden nationalistische Gruppierungen stark und die EU als Wirtschaftsgemeinschaft wegen der Euro-Krise in Frage gestellt. Doch wie wird die Staatengemeinschaft eigentlich von außen gesehen? Ich habe in Deutschland mit jungen Leuten aus Nicht-EU-Staaten über ihre Sicht auf Europa gesprochen.

„In Marokko denken viele, dass in Europa alles ganz einfach ist. Man kann einfach Geld verdienen und Arbeit finden,“ meint Bilal. Er ist in der marokkanischen Stadt Tanger aufgewachsen und vor drei Monaten für das Studium nach Deutschland gekommen. Dieses rundum positive Bild von Europa entstehe zum einen durch die Touristen, die Tag für Tag mit der Fähre von Spanien nach Marokko übersetzen. Sie könnten es sich leisten zu reisen, wohnen in Hotels und essen in für marokkanische Verhältnisse teuren Restaurants. Aber auch die marokkanischen Auswanderer, die jeden Sommer zurück in ihr Heimatland kommen, verstärkten diese Vorstellung. Sie tragen neue Kleidung und reisen mit einem eigenen Auto an. „Aber die haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und das Auto ist oft nur geliehen,“ erklärt Bilal in fließendem Deutsch. „Sie wollen ein positives Bild zeigen, aber hinter dem Aussehen steckt mehr.“ Er hat festgestellt, dass man als Einwanderer in Deutschland „irgendwo“ arbeiten müsse, egal ob man eine Ausbildung hat oder nicht. Mit „irgendwo“ meint er Jobs, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen. Bilal erzählt zum Beispiel von einem Verwandten, der in Tanger Geologie studiert hat und unbedingt nach Deutschland wollte. Jetzt sei er hier und arbeite in einer Bäckerei. „Er ist total unglücklich. So hatte er sich das einfach nicht vorgestellt.“ Der indische Ethnologe Arjun Appadurai sieht in der heutigen globalisierten Welt die Fantasie als den Motor für die Gestaltung des sozialen Lebens vieler Menschen. Er meint damit, dass durch die rasche und weite Verbreitung von Massenmedien sowie die scheinbar grenzenlose Mobilität von Menschen, Bildern, Nachrichten und Waren die Bedeutung der Vorstellungskraft enorm zugenommen hat und die Imaginationen sogar das individuelle Handeln stark beeinflussen. So machen sich zum Beispiel viele Menschen auf den Weg um das vorgestellte bessere Leben anderswo zu finden – sie migrieren vom Land in die Stadt oder umgekehrt, sie gehen auf Reisen oder versuchen eben nach Europa zu kommen wie Bilals Verwandter.
Auch Bilal selbst träumte schon seit vielen Jahren davon in Deutschland zu studieren. Direkt nach dem Abitur hat er angefangen Deutsch zu lernen. Bis zum Niveau B2, dem Vierten von insgesamt sechs Niveaus nach dem Europäischen Referenzrahmen, hat er die Fremdsprache gelernt und die Prüfung bestanden. Auch die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität hatte er bewilligt bekommen. Schließlich hing das Auslandsstudium nur noch vom Visum ab – und es kam ein negativer Bescheid ohne Begründung. Also studierte Bilal in Tanger Jura. Als das Visum nach dem Bachelor wieder abgelehnt wurde, fand er eine Arbeit als Deutschlehrer. Zehn Jahre lang hat er es immer wieder probiert, aber er bekam keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Während Europäer innerhalb des Schengenraums absolute Freizügigkeit genießen und sich auch weltweit mit ihrem Pass relativ frei bewegen können, werden die EU-Außengrenzen geschlossen und jungen Menschen aus Ländern wie Marokko die Mobilität erschwert oder sogar verwehrt. Nach der EU-Visum-Verordnung sind die Länder außerhalb der Europäischen Union in „visumsfreie“ und „visumspflichtige Drittstaaten“ eingeteilt. Wer aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt, kann nicht ohne Visum in die Europäische Union einreisen. Eine Einreiseerlaubnis ist an verschiedene Bedingungen geknüpft und am Ende liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörden.
In diesem Frühjahr hat Bilal seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und plötzlich kam der positive Bescheid, dass er für das Studium nach Deutschland einreisen kann. Doch Bilals Blick auf Europa hatte sich verändert. „Ich kenne viele Leute, die erzählen die Realität, deswegen konnte ich mir vorstellen, dass auch Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.“ Jetzt lebt er in Kiel, wo er einen Masterstudienplatz bekommen hat. Was ihm dort sofort aufgefallen ist, sind große Unterschiede zwischen Arm und Reich, die er in Europa nicht erwartet hätte. „Man sieht das an den Autos, den Klamotten und den unterschiedlichen Stadtvierteln,“ beschreibt Bilal. Verwundert hat er jeden Abend beobachtet wie so viele Menschen mit ihren Fahrrädern und Behältern durch die Stadt fahren, jeder mit einem Licht in der Hand und Pfandflaschen sammeln. Das sei auch ein Gesicht der Armut. „Aber das sehen die Menschen in Marokko nicht und deswegen denken sie Europa sei das Paradies. Aber das Paradies ist das hier nicht.“

„Europäisch bedeutet offen gegenüber den Mitmenschen zu sein“

Die Ukrainerin Iryna, 23, kam vor eineinhalb Jahren als Au-pair nach Deutschland. Sie hatte vor ihrer Ausreise ein rundum positives Bild von Europa – beziehungsweise von den Ländern der Europäischen Union. Denn rein geographisch gehört die Ukraine auch zu Europa und trotzdem fühlen sich die Menschen in diesem Land ausgeschlossen von der gemeinschaftlichen Idee Europas und viele Ukrainer und Ukrainerinnen wünschen sich die EU-Mitgliedschaft. Wenn Iryna sagt, Lviv, wo sie Journalismus studiert hat, sei auch eine europäische Stadt, meint sie nicht, dass dieser Ort auch Teil Europas ist sondern mit der Bezeichnung „europäisch“ verbindet sie gewisse Vorstellungen und Lebensweisen. Es gehe um die Mentalität der Leute und was sie möchten im Leben, erklärt sie. „Die Offenheit gegenüber den Mitmenschen. Das Verständnis, dass jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse und Ideen hat. Und das Recht, diesen individuellen Stil zu leben.“ Sie hat das Gefühl, dass man in Deutschland anziehen könne, was man will und man fühle sich wohl damit. In Europa könne man sich individuell entwickeln und den eigenen Weg finden. In der Ukraine gäbe es dagegen einen Standard, wie es gut ist und wenn man dem nicht entspreche, würden die Leute schauen. Auch seien die Menschen in Deutschland offen und freundlich. „Sie lachen einfach zu dir. Bei uns, wenn dich jemand anlacht, denkst du gleich, er ist in dich verliebt,“ sagt Iryna. „Aber in Lviv sind die Leute schon wie in Europa, weil sie auch diese Idee haben.“ Es seien ihrer Meinung nach die vielen Ukrainer und Ukrainerinnen, die in der Europäischen Union arbeiten und diese neue Idee und Kultur mit nach Hause bringen. Europa ist für Iryna auch das viele Grün in den Städten und die Bewegungskultur. Sie selbst liebt Sport und ist begeistert davon, wie sportliche Aktivitäten hier in den Alltag integriert sind. Diesen Trend könne sie ebenfalls in Ansätzen bei jungen Leuten in ihrer Heimat beobachten.
Doch Iryna hat auch negative Erfahrungen mit dem Europa gemacht, das sie so begeistert. Die Einreisebestimmungen in die Europäische Union sind für Menschen aus der Ukraine trotz dem Visumerleichterungsabkommen von 2007 relativ strikt, genauso wie für Bürger aus anderen Nicht-EU-Ländern, die als sogenannte „visumspflichtige Drittstaaten“ kategorisiert sind. Als sie das letzte Mal ihre Eltern in der Ukraine besucht hat, musste sie auf der Rückfahrt sieben Stunden lang an der Grenze zu Polen im Bus warten. Es wurden die Unterlagen von jedem Reisenden genauestens überprüft und anschließend jedes Gepäckstück durchsucht. In diesen Momenten wird Iryna traurig. „Es fehlt einfach an Vertrauen,“ schätzt sie die Situation ein. „Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert und die Ukraine auch Europa wird.“

„Der Gemeinschaftsgedanke ist eine geniale Idee“

Navids* einzige Angst vor seinem Aufenthalt in Europa war, wie die Menschen dort ihm gegenüber reagieren würden, wenn sie erfuhren, aus welchem Land er kommt. Der 27-jährige ist Iraner und hatte schon vor seiner Ausreise die Vermutung, dass in Europa ein sehr einseitiges und negatives Bild von seinem Heimatland vorherrsche. Schon seit langer Zeit verfolgt er die westliche Berichterstattung. Im Internet informiert er sich unter anderem über die Seiten der BBC und der Deutschen Welle. Er hatte das Gefühl, dass die Bilder und Aussagen in den Medien nicht die Realität im Iran wiedergeben. Zum Beispiel gab es im Jahr 2009 nach den Präsidentschaftswahlen im Iran öffentliche Proteste gegen das offizielle Wahlergebnis. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. „In den westlichen Medien wurden damals nur Aufnahmen von diesen Straßenschlachten gezeigt,“ erinnert sich Navid. „Aber ich war auch beteiligt an den Protesten. Ich war mitten in der Menschenmenge und habe auch ein Transparent hochgehalten und mir ist nichts passiert.“ Er hätte sich gewünscht, dass auch diese friedlichen Demonstrationen gezeigt worden wären. Im Gespräch mit Touristen fand er heraus, dass auch die Reisenden zunächst ein ganz falschen Bild von der iranischen Bevölkerung hätten. „Eine Touristin erzählte mir, dass sie so positiv überrascht sei von dem Land,“ sagt Navid. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen in Europa erfahren, dass auch die Iraner eigentlich sehr offen und kommunikativ gegenüber Ausländern seien.
Schließlich hat Navid es am eigenen Leib erfahren, dass viele Menschen in Europa anscheinend tatsächlich schlecht und undifferenziert über Menschen iranischer Herkunft denken und zwar an seinem ersten Arbeitstag. Navid sollte eigentlich seit Oktober letzten Jahres bereits in München an einem Doktorandenprogramm der TU München teilnehmen. Er ist Ingenieur und kommt von einer der besten Universitäten im Iran. Allerdings hatte er Probleme mit dem Visum und konnte am Ende erst vor zwei Monaten einreisen und musste somit auch später in das Programm einsteigen. Seit dem Konflikt um das iranische Nuklearprogramm und der damit einhergehenden politischen Krise zwischen seinem Heimatland und Europa sei es auch schwieriger geworden ein Visum zu bekommen, meint Navid. Als er schließlich im April doch seine Arbeit antreten konnte, wurde er in der Mitarbeiterrunde gefragt, warum er denn das Visum nicht rechtzeitig bekommen hätte. „Ich habe versucht es ihnen zu erklären und plötzlich sagte ein Kollege hinter mir: Das ist doch normal. Der ist Terrorist,“ erzählt Navid und man kann ihm in diesem Moment ansehen, wie sehr ihn dieser Kommentar damals getroffen haben muss. Er ging im Anschluss auf den Mitarbeiter zu und fing an mit ihm zu reden und seine Situation darzustellen. Es hatte Wirkung. „Heute sind wir die besten Freunde.“ Seitdem diskutiert er viel mit seinen Kollegen über sein Land, über Deutschland und Europa, über Kultur und Religion, über Politik und Geschichte. Es begeistere ihn so viel Neues zu erfahren und nach und nach diese Gesellschaft immer besser zu verstehen. „Meiner Meinung nach ist der Gemeinschaftsgedanke der Europäischen Union eine geniale Idee.“

* Name wurde geändert: Navid möchte eines Tages in den Iran zurückkehren und aufgrund der politischen Spannung seinen Namen nicht in westlichen Medien lesen.

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Der Blick auf das Meer