Über Europa wurde viel diskutiert in den letzten Monaten. Politiker werben für ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. EU-Bürger werden mit unterschiedlichsten Programmen mobilisiert, um sich in ganz Europa wie zu Hause zu fühlen. Gleichzeitig werden nationalistische Gruppierungen stark und die EU als Wirtschaftsgemeinschaft wegen der Euro-Krise in Frage gestellt. Doch wie wird die Staatengemeinschaft eigentlich von außen gesehen? Ich habe in Deutschland mit jungen Leuten aus Nicht-EU-Staaten über ihre Sicht auf Europa gesprochen. „In Marokko denken viele, dass in Europa alles ganz einfach ist. Man kann einfach Geld verdienen und Arbeit finden,“ meint Bilal. Er ist in der marokkanischen Stadt Tanger aufgewachsen und vor drei Monaten für das Studium nach Deutschland gekommen. Dieses rundum positive Bild von Europa entstehe zum einen durch die Touristen, die Tag für Tag mit der Fähre von Spanien nach Marokko übersetzen. Sie könnten es sich leisten zu reisen, wohnen in Hotels und essen in für marokkanische Verhältnisse teuren Restaurants. Aber auch die marokkanischen Auswanderer, die jeden Sommer zurück in ihr Heimatland kommen, verstärkten diese Vorstellung. Sie tragen neue Kleidung und reisen mit einem eigenen Auto an. „Aber die haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und das Auto ist oft nur geliehen,“ erklärt Bilal in fließendem Deutsch. „Sie wollen ein positives Bild zeigen, aber hinter dem Aussehen steckt mehr.“ Er hat festgestellt, dass man als Einwanderer in Deutschland „irgendwo“ arbeiten müsse, egal ob man eine Ausbildung hat oder nicht. Mit „irgendwo“ meint er Jobs, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen. Bilal erzählt zum Beispiel von einem Verwandten, der in Tanger Geologie studiert hat und unbedingt nach Deutschland wollte. Jetzt sei er hier und arbeite in einer Bäckerei. „Er ist total unglücklich. So hatte er sich das einfach nicht vorgestellt.“ Der indische Ethnologe Arjun Appadurai sieht in der heutigen globalisierten Welt die Fantasie als den Motor für die Gestaltung des sozialen Lebens vieler Menschen. Er meint damit, dass durch die rasche und weite Verbreitung von Massenmedien sowie die scheinbar grenzenlose Mobilität von Menschen, Bildern, Nachrichten und Waren die Bedeutung der Vorstellungskraft enorm zugenommen hat und die Imaginationen sogar das individuelle Handeln stark beeinflussen. So machen sich zum Beispiel viele Menschen auf den Weg um das vorgestellte bessere Leben anderswo zu finden – sie migrieren vom Land in die Stadt oder umgekehrt, sie gehen auf Reisen oder versuchen eben nach Europa zu kommen wie Bilals Verwandter. Auch Bilal selbst träumte schon seit vielen Jahren davon in Deutschland zu studieren. Direkt nach dem Abitur hat er angefangen Deutsch zu lernen. Bis zum Niveau B2, dem Vierten von insgesamt sechs Niveaus nach dem Europäischen Referenzrahmen, hat er die Fremdsprache gelernt und die Prüfung bestanden. Auch die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität hatte er bewilligt bekommen. Schließlich hing das Auslandsstudium nur noch vom Visum ab – und es kam ein negativer Bescheid ohne Begründung. Also studierte Bilal in Tanger Jura. Als das Visum nach dem Bachelor wieder abgelehnt wurde, fand er eine Arbeit als Deutschlehrer. Zehn Jahre lang hat er es immer wieder probiert, aber er bekam keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Während Europäer innerhalb des Schengenraums absolute Freizügigkeit genießen und sich auch weltweit mit ihrem Pass relativ frei bewegen können, werden die EU-Außengrenzen geschlossen und jungen Menschen aus Ländern wie Marokko die Mobilität erschwert oder sogar verwehrt. Nach der EU-Visum-Verordnung sind die Länder außerhalb der Europäischen Union in „visumsfreie“ und „visumspflichtige Drittstaaten“ eingeteilt. Wer aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt, kann nicht ohne Visum in die Europäische Union einreisen. Eine Einreiseerlaubnis ist an verschiedene Bedingungen geknüpft und am Ende liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörden. In diesem Frühjahr hat Bilal seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und plötzlich kam der positive Bescheid, dass er für das Studium nach Deutschland einreisen kann. Doch Bilals Blick auf Europa hatte sich verändert. „Ich kenne viele Leute, die erzählen die Realität, deswegen konnte ich mir vorstellen, dass auch Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.“ Jetzt lebt er in Kiel, wo er einen Masterstudienplatz bekommen hat. Was ihm dort sofort aufgefallen ist, sind große Unterschiede zwischen Arm und Reich, die er in Europa nicht erwartet hätte. „Man sieht das an den Autos, den Klamotten und den unterschiedlichen Stadtvierteln,“ beschreibt Bilal. Verwundert hat er jeden Abend beobachtet wie so viele Menschen mit ihren Fahrrädern und Behältern durch die Stadt fahren, jeder mit einem Licht in der Hand und Pfandflaschen sammeln. Das sei auch ein Gesicht der Armut. „Aber das sehen die Menschen in Marokko nicht und deswegen denken sie Europa sei das Paradies. Aber das Paradies ist das hier nicht.“ „Europäisch bedeutet offen gegenüber den Mitmenschen zu sein“ Die Ukrainerin Iryna, 23, kam vor eineinhalb Jahren als Au-pair nach Deutschland. Sie hatte vor ihrer Ausreise ein rundum positives Bild von Europa – beziehungsweise von den Ländern der Europäischen Union. Denn rein geographisch gehört die Ukraine auch zu Europa und trotzdem fühlen sich die Menschen in diesem Land ausgeschlossen von der gemeinschaftlichen Idee Europas und viele Ukrainer und Ukrainerinnen wünschen sich die EU-Mitgliedschaft. Wenn Iryna sagt, Lviv, wo sie Journalismus studiert hat, sei auch eine europäische Stadt, meint sie nicht, dass dieser Ort auch Teil Europas ist sondern mit der Bezeichnung „europäisch“ verbindet sie gewisse Vorstellungen und Lebensweisen. Es gehe um die Mentalität der Leute und was sie möchten im Leben, erklärt sie. „Die Offenheit gegenüber den Mitmenschen. Das Verständnis, dass jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse und Ideen hat. Und das Recht, diesen individuellen Stil zu leben.“ Sie hat das Gefühl, dass man in Deutschland anziehen könne, was man will und man fühle sich wohl damit. In Europa könne man sich individuell entwickeln und den eigenen Weg finden. In der Ukraine gäbe es dagegen einen Standard, wie es gut ist und wenn man dem nicht entspreche, würden die Leute schauen. Auch seien die Menschen in Deutschland offen und freundlich. „Sie lachen einfach zu dir. Bei uns, wenn dich jemand anlacht, denkst du gleich, er ist in dich verliebt,“ sagt Iryna. „Aber in Lviv sind die Leute schon wie in Europa, weil sie auch diese Idee haben.“ Es seien ihrer Meinung nach die vielen Ukrainer und Ukrainerinnen, die in der Europäischen Union arbeiten und diese neue Idee und Kultur mit nach Hause bringen. Europa ist für Iryna auch das viele Grün in den Städten und die Bewegungskultur. Sie selbst liebt Sport und ist begeistert davon, wie sportliche Aktivitäten hier in den Alltag integriert sind. Diesen Trend könne sie ebenfalls in Ansätzen bei jungen Leuten in ihrer Heimat beobachten. Doch Iryna hat auch negative Erfahrungen mit dem Europa gemacht, das sie so begeistert. Die Einreisebestimmungen in die Europäische Union sind für Menschen aus der Ukraine trotz dem Visumerleichterungsabkommen von 2007 relativ strikt, genauso wie für Bürger aus anderen Nicht-EU-Ländern, die als sogenannte „visumspflichtige Drittstaaten“ kategorisiert sind. Als sie das letzte Mal ihre Eltern in der Ukraine besucht hat, musste sie auf der Rückfahrt sieben Stunden lang an der Grenze zu Polen im Bus warten. Es wurden die Unterlagen von jedem Reisenden genauestens überprüft und anschließend jedes Gepäckstück durchsucht. In diesen Momenten wird Iryna traurig. „Es fehlt einfach an Vertrauen,“ schätzt sie die Situation ein. „Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert und die Ukraine auch Europa wird.“ „Der Gemeinschaftsgedanke ist eine geniale Idee“ Navids* einzige Angst vor seinem Aufenthalt in Europa war, wie die Menschen dort ihm gegenüber reagieren würden, wenn sie erfuhren, aus welchem Land er kommt. Der 27-jährige ist Iraner und hatte schon vor seiner Ausreise die Vermutung, dass in Europa ein sehr einseitiges und negatives Bild von seinem Heimatland vorherrsche. Schon seit langer Zeit verfolgt er die westliche Berichterstattung. Im Internet informiert er sich unter anderem über die Seiten der BBC und der Deutschen Welle. Er hatte das Gefühl, dass die Bilder und Aussagen in den Medien nicht die Realität im Iran wiedergeben. Zum Beispiel gab es im Jahr 2009 nach den Präsidentschaftswahlen im Iran öffentliche Proteste gegen das offizielle Wahlergebnis. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. „In den westlichen Medien wurden damals nur Aufnahmen von diesen Straßenschlachten gezeigt,“ erinnert sich Navid. „Aber ich war auch beteiligt an den Protesten. Ich war mitten in der Menschenmenge und habe auch ein Transparent hochgehalten und mir ist nichts passiert.“ Er hätte sich gewünscht, dass auch diese friedlichen Demonstrationen gezeigt worden wären. Im Gespräch mit Touristen fand er heraus, dass auch die Reisenden zunächst ein ganz falschen Bild von der iranischen Bevölkerung hätten. „Eine Touristin erzählte mir, dass sie so positiv überrascht sei von dem Land,“ sagt Navid. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen in Europa erfahren, dass auch die Iraner eigentlich sehr offen und kommunikativ gegenüber Ausländern seien. Schließlich hat Navid es am eigenen Leib erfahren, dass viele Menschen in Europa anscheinend tatsächlich schlecht und undifferenziert über Menschen iranischer Herkunft denken und zwar an seinem ersten Arbeitstag. Navid sollte eigentlich seit Oktober letzten Jahres bereits in München an einem Doktorandenprogramm der TU München teilnehmen. Er ist Ingenieur und kommt von einer der besten Universitäten im Iran. Allerdings hatte er Probleme mit dem Visum und konnte am Ende erst vor zwei Monaten einreisen und musste somit auch später in das Programm einsteigen. Seit dem Konflikt um das iranische Nuklearprogramm und der damit einhergehenden politischen Krise zwischen seinem Heimatland und Europa sei es auch schwieriger geworden ein Visum zu bekommen, meint Navid. Als er schließlich im April doch seine Arbeit antreten konnte, wurde er in der Mitarbeiterrunde gefragt, warum er denn das Visum nicht rechtzeitig bekommen hätte. „Ich habe versucht es ihnen zu erklären und plötzlich sagte ein Kollege hinter mir: Das ist doch normal. Der ist Terrorist,“ erzählt Navid und man kann ihm in diesem Moment ansehen, wie sehr ihn dieser Kommentar damals getroffen haben muss. Er ging im Anschluss auf den Mitarbeiter zu und fing an mit ihm zu reden und seine Situation darzustellen. Es hatte Wirkung. „Heute sind wir die besten Freunde.“ Seitdem diskutiert er viel mit seinen Kollegen über sein Land, über Deutschland und Europa, über Kultur und Religion, über Politik und Geschichte. Es begeistere ihn so viel Neues zu erfahren und nach und nach diese Gesellschaft immer besser zu verstehen. „Meiner Meinung nach ist der Gemeinschaftsgedanke der Europäischen Union eine geniale Idee.“ * Name wurde geändert: Navid möchte eines Tages in den Iran zurückkehren und aufgrund der politischen Spannung seinen Namen nicht in westlichen Medien lesen.

„Das Paradies ist das hier nicht“

Über Europa wurde viel diskutiert in den letzten Monaten. Politiker werben für ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. EU-Bürger werden mit unterschiedlichsten Programmen mobilisiert, um sich in ganz Europa wie zu Hause zu fühlen. Gleichzeitig werden nationalistische Gruppierungen stark und die EU als Wirtschaftsgemeinschaft wegen der Euro-Krise in Frage gestellt. Doch wie wird die Staatengemeinschaft eigentlich von außen gesehen? Ich habe in Deutschland mit jungen Leuten aus Nicht-EU-Staaten über ihre Sicht auf Europa gesprochen.

„In Marokko denken viele, dass in Europa alles ganz einfach ist. Man kann einfach Geld verdienen und Arbeit finden,“ meint Bilal. Er ist in der marokkanischen Stadt Tanger aufgewachsen und vor drei Monaten für das Studium nach Deutschland gekommen. Dieses rundum positive Bild von Europa entstehe zum einen durch die Touristen, die Tag für Tag mit der Fähre von Spanien nach Marokko übersetzen. Sie könnten es sich leisten zu reisen, wohnen in Hotels und essen in für marokkanische Verhältnisse teuren Restaurants. Aber auch die marokkanischen Auswanderer, die jeden Sommer zurück in ihr Heimatland kommen, verstärkten diese Vorstellung. Sie tragen neue Kleidung und reisen mit einem eigenen Auto an. „Aber die haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und das Auto ist oft nur geliehen,“ erklärt Bilal in fließendem Deutsch. „Sie wollen ein positives Bild zeigen, aber hinter dem Aussehen steckt mehr.“ Er hat festgestellt, dass man als Einwanderer in Deutschland „irgendwo“ arbeiten müsse, egal ob man eine Ausbildung hat oder nicht. Mit „irgendwo“ meint er Jobs, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen. Bilal erzählt zum Beispiel von einem Verwandten, der in Tanger Geologie studiert hat und unbedingt nach Deutschland wollte. Jetzt sei er hier und arbeite in einer Bäckerei. „Er ist total unglücklich. So hatte er sich das einfach nicht vorgestellt.“ Der indische Ethnologe Arjun Appadurai sieht in der heutigen globalisierten Welt die Fantasie als den Motor für die Gestaltung des sozialen Lebens vieler Menschen. Er meint damit, dass durch die rasche und weite Verbreitung von Massenmedien sowie die scheinbar grenzenlose Mobilität von Menschen, Bildern, Nachrichten und Waren die Bedeutung der Vorstellungskraft enorm zugenommen hat und die Imaginationen sogar das individuelle Handeln stark beeinflussen. So machen sich zum Beispiel viele Menschen auf den Weg um das vorgestellte bessere Leben anderswo zu finden – sie migrieren vom Land in die Stadt oder umgekehrt, sie gehen auf Reisen oder versuchen eben nach Europa zu kommen wie Bilals Verwandter.
Auch Bilal selbst träumte schon seit vielen Jahren davon in Deutschland zu studieren. Direkt nach dem Abitur hat er angefangen Deutsch zu lernen. Bis zum Niveau B2, dem Vierten von insgesamt sechs Niveaus nach dem Europäischen Referenzrahmen, hat er die Fremdsprache gelernt und die Prüfung bestanden. Auch die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität hatte er bewilligt bekommen. Schließlich hing das Auslandsstudium nur noch vom Visum ab – und es kam ein negativer Bescheid ohne Begründung. Also studierte Bilal in Tanger Jura. Als das Visum nach dem Bachelor wieder abgelehnt wurde, fand er eine Arbeit als Deutschlehrer. Zehn Jahre lang hat er es immer wieder probiert, aber er bekam keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Während Europäer innerhalb des Schengenraums absolute Freizügigkeit genießen und sich auch weltweit mit ihrem Pass relativ frei bewegen können, werden die EU-Außengrenzen geschlossen und jungen Menschen aus Ländern wie Marokko die Mobilität erschwert oder sogar verwehrt. Nach der EU-Visum-Verordnung sind die Länder außerhalb der Europäischen Union in „visumsfreie“ und „visumspflichtige Drittstaaten“ eingeteilt. Wer aus einem sogenannten „visumspflichtigen Drittstaat“ kommt, kann nicht ohne Visum in die Europäische Union einreisen. Eine Einreiseerlaubnis ist an verschiedene Bedingungen geknüpft und am Ende liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörden.
In diesem Frühjahr hat Bilal seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und plötzlich kam der positive Bescheid, dass er für das Studium nach Deutschland einreisen kann. Doch Bilals Blick auf Europa hatte sich verändert. „Ich kenne viele Leute, die erzählen die Realität, deswegen konnte ich mir vorstellen, dass auch Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.“ Jetzt lebt er in Kiel, wo er einen Masterstudienplatz bekommen hat. Was ihm dort sofort aufgefallen ist, sind große Unterschiede zwischen Arm und Reich, die er in Europa nicht erwartet hätte. „Man sieht das an den Autos, den Klamotten und den unterschiedlichen Stadtvierteln,“ beschreibt Bilal. Verwundert hat er jeden Abend beobachtet wie so viele Menschen mit ihren Fahrrädern und Behältern durch die Stadt fahren, jeder mit einem Licht in der Hand und Pfandflaschen sammeln. Das sei auch ein Gesicht der Armut. „Aber das sehen die Menschen in Marokko nicht und deswegen denken sie Europa sei das Paradies. Aber das Paradies ist das hier nicht.“

„Europäisch bedeutet offen gegenüber den Mitmenschen zu sein“

Die Ukrainerin Iryna, 23, kam vor eineinhalb Jahren als Au-pair nach Deutschland. Sie hatte vor ihrer Ausreise ein rundum positives Bild von Europa – beziehungsweise von den Ländern der Europäischen Union. Denn rein geographisch gehört die Ukraine auch zu Europa und trotzdem fühlen sich die Menschen in diesem Land ausgeschlossen von der gemeinschaftlichen Idee Europas und viele Ukrainer und Ukrainerinnen wünschen sich die EU-Mitgliedschaft. Wenn Iryna sagt, Lviv, wo sie Journalismus studiert hat, sei auch eine europäische Stadt, meint sie nicht, dass dieser Ort auch Teil Europas ist sondern mit der Bezeichnung „europäisch“ verbindet sie gewisse Vorstellungen und Lebensweisen. Es gehe um die Mentalität der Leute und was sie möchten im Leben, erklärt sie. „Die Offenheit gegenüber den Mitmenschen. Das Verständnis, dass jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse und Ideen hat. Und das Recht, diesen individuellen Stil zu leben.“ Sie hat das Gefühl, dass man in Deutschland anziehen könne, was man will und man fühle sich wohl damit. In Europa könne man sich individuell entwickeln und den eigenen Weg finden. In der Ukraine gäbe es dagegen einen Standard, wie es gut ist und wenn man dem nicht entspreche, würden die Leute schauen. Auch seien die Menschen in Deutschland offen und freundlich. „Sie lachen einfach zu dir. Bei uns, wenn dich jemand anlacht, denkst du gleich, er ist in dich verliebt,“ sagt Iryna. „Aber in Lviv sind die Leute schon wie in Europa, weil sie auch diese Idee haben.“ Es seien ihrer Meinung nach die vielen Ukrainer und Ukrainerinnen, die in der Europäischen Union arbeiten und diese neue Idee und Kultur mit nach Hause bringen. Europa ist für Iryna auch das viele Grün in den Städten und die Bewegungskultur. Sie selbst liebt Sport und ist begeistert davon, wie sportliche Aktivitäten hier in den Alltag integriert sind. Diesen Trend könne sie ebenfalls in Ansätzen bei jungen Leuten in ihrer Heimat beobachten.
Doch Iryna hat auch negative Erfahrungen mit dem Europa gemacht, das sie so begeistert. Die Einreisebestimmungen in die Europäische Union sind für Menschen aus der Ukraine trotz dem Visumerleichterungsabkommen von 2007 relativ strikt, genauso wie für Bürger aus anderen Nicht-EU-Ländern, die als sogenannte „visumspflichtige Drittstaaten“ kategorisiert sind. Als sie das letzte Mal ihre Eltern in der Ukraine besucht hat, musste sie auf der Rückfahrt sieben Stunden lang an der Grenze zu Polen im Bus warten. Es wurden die Unterlagen von jedem Reisenden genauestens überprüft und anschließend jedes Gepäckstück durchsucht. In diesen Momenten wird Iryna traurig. „Es fehlt einfach an Vertrauen,“ schätzt sie die Situation ein. „Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert und die Ukraine auch Europa wird.“

„Der Gemeinschaftsgedanke ist eine geniale Idee“

Navids* einzige Angst vor seinem Aufenthalt in Europa war, wie die Menschen dort ihm gegenüber reagieren würden, wenn sie erfuhren, aus welchem Land er kommt. Der 27-jährige ist Iraner und hatte schon vor seiner Ausreise die Vermutung, dass in Europa ein sehr einseitiges und negatives Bild von seinem Heimatland vorherrsche. Schon seit langer Zeit verfolgt er die westliche Berichterstattung. Im Internet informiert er sich unter anderem über die Seiten der BBC und der Deutschen Welle. Er hatte das Gefühl, dass die Bilder und Aussagen in den Medien nicht die Realität im Iran wiedergeben. Zum Beispiel gab es im Jahr 2009 nach den Präsidentschaftswahlen im Iran öffentliche Proteste gegen das offizielle Wahlergebnis. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. „In den westlichen Medien wurden damals nur Aufnahmen von diesen Straßenschlachten gezeigt,“ erinnert sich Navid. „Aber ich war auch beteiligt an den Protesten. Ich war mitten in der Menschenmenge und habe auch ein Transparent hochgehalten und mir ist nichts passiert.“ Er hätte sich gewünscht, dass auch diese friedlichen Demonstrationen gezeigt worden wären. Im Gespräch mit Touristen fand er heraus, dass auch die Reisenden zunächst ein ganz falschen Bild von der iranischen Bevölkerung hätten. „Eine Touristin erzählte mir, dass sie so positiv überrascht sei von dem Land,“ sagt Navid. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen in Europa erfahren, dass auch die Iraner eigentlich sehr offen und kommunikativ gegenüber Ausländern seien.
Schließlich hat Navid es am eigenen Leib erfahren, dass viele Menschen in Europa anscheinend tatsächlich schlecht und undifferenziert über Menschen iranischer Herkunft denken und zwar an seinem ersten Arbeitstag. Navid sollte eigentlich seit Oktober letzten Jahres bereits in München an einem Doktorandenprogramm der TU München teilnehmen. Er ist Ingenieur und kommt von einer der besten Universitäten im Iran. Allerdings hatte er Probleme mit dem Visum und konnte am Ende erst vor zwei Monaten einreisen und musste somit auch später in das Programm einsteigen. Seit dem Konflikt um das iranische Nuklearprogramm und der damit einhergehenden politischen Krise zwischen seinem Heimatland und Europa sei es auch schwieriger geworden ein Visum zu bekommen, meint Navid. Als er schließlich im April doch seine Arbeit antreten konnte, wurde er in der Mitarbeiterrunde gefragt, warum er denn das Visum nicht rechtzeitig bekommen hätte. „Ich habe versucht es ihnen zu erklären und plötzlich sagte ein Kollege hinter mir: Das ist doch normal. Der ist Terrorist,“ erzählt Navid und man kann ihm in diesem Moment ansehen, wie sehr ihn dieser Kommentar damals getroffen haben muss. Er ging im Anschluss auf den Mitarbeiter zu und fing an mit ihm zu reden und seine Situation darzustellen. Es hatte Wirkung. „Heute sind wir die besten Freunde.“ Seitdem diskutiert er viel mit seinen Kollegen über sein Land, über Deutschland und Europa, über Kultur und Religion, über Politik und Geschichte. Es begeistere ihn so viel Neues zu erfahren und nach und nach diese Gesellschaft immer besser zu verstehen. „Meiner Meinung nach ist der Gemeinschaftsgedanke der Europäischen Union eine geniale Idee.“

* Name wurde geändert: Navid möchte eines Tages in den Iran zurückkehren und aufgrund der politischen Spannung seinen Namen nicht in westlichen Medien lesen.

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